6. Gautinger Internet-Treffen
8. und 9. März 2005
Gut geklickt
ist halb gelernt? - Formen des virtuellen Lernens
Am 6. Gautinger Internet-Treffen beteiligten sich ca. 90 pädagogisch Verantwortliche. Die Kooperationspartner SIN-Studio im Netz, Stadtjugendamt der LH München und Institut für Jugendarbeit zogen ein überaus positives Resümee. Die bunte Vielfalt der praktischen Modellprojekte zum Themenbereich "Gut geklickt ist halb gelernt? - Formen des virtuellen Lernens" sowie die grundlegenden theoretischen Inputs schufen einmal mehr den besonderen medienpädagogischen Flair, der das jährliche Gautinger Internet-Treffen auszeichnet.
Zur Eröffnung des diesjährigen Treffens bemerkte Albert Fußmann, der Direktor des Instituts Gauting, dass der Hype um Multimedia „vorbei“ sei. Mit dieser nüchternen Feststellung rief er ins Bewusstsein, dass die (oftmals übertriebene) Begeisterung für Neue Medien einer realistischeren Einschätzung gewichen ist, was dem Einsatz multimedialer Technologien gut tut.
Hans-Jürgen Palme, geschäftsführender Vorstand des SIN, warf in seiner Begrüßung einen kritischen Blick auf die Situation der Medienarbeit in der Schule: Dort seien PC-Räume meist in klassischer Frontalsituation angeordnet, was sich destruktiv auf den Unterricht auswirke. Eine zeitgemäße Medienpädagogik könne nur gelingen, wenn ein Bezug zur Gruppe hergestellt werden kann und gruppendynamische Prozesse ermöglicht werden. Der zunehmende Einsatz von Computern in schulischen Kontexten bedingt auch in verstärktem Maße das Reflektieren über die innenarchitektonische Gestaltung sog. „EDV-Räume“.
Der Medienbeauftragte Klaus Schwarzer vom Stadtjugendamt der LH München betonte, dass die Quantität der städtisch geförderten medienpädagogischen Modellprojekte in den letzten Jahren gestiegen ist und sich parallel dazu die Qualität deutlich weiterentwickelt hat. Er verwies auf die Wichtigkeit, neben dem wirtschaftlichen Medienstandort München auch den medienpädagogischen weiter zu unterstützen. Mit Hilfe der finanziellen Förderung von Medienprojekten in Schule und Jugendhilfe sollte dies trotz knapper Kassen weiter ermöglicht werden.
Dr. Sven Kommer von der Pädagogischen Hochschule Freiburg ging in seinem Referat auf die vorhandene „Medienkompetenz“ bei Schülerinnen und Schülern ein. Untersuchungen seiner Hochschule zeigen, dass eine „Wissenskluft“ zwischen Hauptschule und Gymnasium bezüglich des Umgangs mit Internet und Computern besteht. Zwar gibt es einerseits viele jugendliche Computer-Kenner/innen, andererseits aber auch viele Heranwachsende mit erschreckend rudimentären Kenntnissen.
Benjamin Jörissen von der Universität Magedeburg beschäftigte sich mit Lernprozessen in der Computerspieler-Szene, er stellte eine Untersuchung zum umstrittenen Gewaltspiel „Counterstrike“ vor. Für die Forschungsgruppe selbst sei es überraschend gewesen, dass man in der Spiele-Community (sog. Clans) differenzierte Formen des sozialen Lernens vorgefunden habe. Durch Aktivitäten wie Webseitengestaltung und –betreuung, Netzwerkadministration oder die Organisation großer LAN-Partys werde eine Menge Wissen angesammelt. Zudem kristallisiert sich innerhalb der Gruppen eine soziale Verantwortung für die Clan-Mitglieder heraus.
Prof.-Dr. Angelika Speck-Hamdan von der LMU München erläuterte die lernpsychologischen Grundlagen des e-Learning. Ihren Ausführungen zufolge seien die klassischen Lehr-Lernformen überholt, aber auch eine reine virtuelle Lernplattform sei ungeeignet. Bewährt hätten sich Mischformen aus virtuellem Lernen und Präsenzveranstaltung, das sog. „blended learning“, welches virtuelle Lernprozesse in die Lehre integriert und so die Chancen des multimedialen Lernens nutzt.
PD Dr. Claus J. Tully vom Deutschen Jugendinstitut München ging in seinem Vortrag auf veränderte Lernformen in neuen mediatisierten Welten ein. Er hob die Bedeutung „informeller“ Lernprozesse hervor. Als Beispiele nannte er die Handy-Nutzung der Heranwachsenden, die zugleich zum Umgang mit Geld befähige. Neu sei heutzutage, dass der Weg vom kontrollierten Wissenserwerb zum „ungeordneten Lernen“ führt.
Dr. Waldemar Vogelgesang und Markus Gamber stellten Untersuchungsergebnisse der Universität Trier zur Bedeutung von Jugendkulturen vor. Sie erläuterten, dass sich Jugendkulturen stets anhand von Medien entwickeln (z.B. „Hardcore-Musik“-Szene oder LAN-Party-Szene). Jugendkulturen sind nicht nur Inszenierungsfelder, sondern auch Orte der Selbstbestimmung und des Selbstlernens. Manches des hier erlernten Wissens sei für das spätere Berufsleben bedeutend, beispielsweise könne ein jugendlicher Computer-Freak den Grundstein für ein späteres Berufsleben als Informatiker legen.
Wie immer beim Gautinger Internet-Treffen präsentierte die medienpädagogische Praxis gelungene und wegweisende Modellprojekte:
Am ersten Veranstaltungstag stellten sich 16 Projekte aus München vor, die vom Stadtjugendamt gefördert wurden. Die Spanne reichte dabei vom PC-Bastelkurs über multimediale Umwelt- und Ernährungs-Projekte oder einer Internet-Kinderfilmredaktion bis hin zu kritischen Auseinandersetzungen mit der Kriminalisierung Jugendlicher, die Musikdateien aus dem Internet laden. Ein großer Teil der Produkte ist auf dem Kinderportal der Landeshauptstadt, pomki.de zu bestaunen.
Am zweiten Tag präsentierten sich unter dem Motto „best practice“ sieben interessante Projekte aus Deutschland und Österreich: Michael Lange (LAG Medienarbeit e.V., Berlin) präsentierte die Netzolympiade, an der Kinder aus ganz Deutschland teilgenommen haben. Mag. Christian Brauner (Landesjugendreferat Oberösterreich, Linz) berichtete von seinem Projekt Aktion Di@log, bei dem Jugendliche älteren Menschen Anleitungen für die PC-Nutzung gaben. Johannes Rieber (Medienfachberatung Oberfranken, Bayreuth) stellte den Medienpool Kult On! vor, eine virtuelle Plattform für Medienprojekte Jugendlicher. Philipp Reichart und Christian Schultz (Jugendinformationszentrum München) stellten den Open-Source-Infoguide vor, der interessierte User über lizenzfreie Software informiert. Klaus Lutz (Parabol/Medienfachberatung Mittelfranken, Nürnberg) erläuterte das Bildungspotential außerschulischer Medienprojekte. Wolfgang Schindler vom Studienzentrum Josefstal informierte über das Weiterbildungsprogramm für Computermedienpädagogok, MaC*_plus. Und Franz Kratzer (Netbridge, Wien) leitete einen Workshop, in dem man die Online-Lernplattform moodle kennen lernen konnte.
Des Weiteren stellte Jürgen Ertelt von der Bundesinitiative Jugend ans Netz das neue Internetportal netzcheckers.de vor und erläuterte die Ausstattungsoffensive, die es Einrichtungen der Jugendarbeit ermöglicht, Hardware kostengünstig zu kaufen bzw. zu leasen.
Zur Entwicklung von Lernsoftware referierte Felix Keller vom Software-Verlag USM, er stellte dies exemplarisch anhand der Kinderspiel-Reihe „Emil und Pauline“ dar.
Das 7. Gautinger Internet-Treffen wird am 7. und 8. März 2006 stattfinden.